Der Narrovater

Die Fragen
stellen sich: Woher kommt der Name Narrovater, was hat er mit der Fasnet zu tun
und wo finden wir ihn auf der Villinger Fasnet? Dem wollen wir nachgehen.
Die
Begriffe wie „Lieb Vaterland, Vater der Nation, Mutter der Kompanie,
Narreneltern, Narrenvater, Narrenmutter und Narrovater“ kennen die
Meisten. Man sagt es ist der Oberbegriff für ein Schutzpatron, der Chef im Ring. Die
Narreneltern, Narrenvater oder Narrenmutter finden wir an der Fasnet im Bodenseeraum
z.B. in Überlingen,Radolfzell, Markdorf usw. In unserer Region z.B. in
Donaueschingen, Bräunlingen, Hüfingen, Rottweil und Oberndorf. Schauen wir
an den Rhein z.B. in Mainz oder in Köln gibt es den Prinz Karneval. Dort sagen
die Narren
der Prinz ist das Oberhaupt der Narren. Bei uns in Villingen gibt es kein
Narrenvater sondern ein Narrovater. De
Narrovater ist das Oberhaupt der
Villinger Narros.
Zum erste Hinweis zum Narrovater schrieb Albert
Fischer „Aus Villingens Vergangenheit 1914“:
1750
Fasnetvergrabe am Aschermittwoch. „Die Leichenordnung war folgende: zuerst
kam der Standartenträger, der einen kleinen ausgestopften Wuescht an der Stange
trug, dann kamen die Totengräber mit Pickeln, Hauben und Schaufeln, dann die
Träger mit einer Bahre, dann der Narrovater, schwarz bekleidet mit tadellosem
weißem Hemde mit dem Tagebuch unter dem Arm tragend. Dem Narrovater folgten
wehklagend die übrigen Narros, den Schluß des Zuges bildete die Narrenmutter,
die in herzzerreißendem Wehklagen und Zähneknirschen folgte“.
1839 kommt der nächste Hinweis aus Donaueschingen mit der Titelvignette
„Apotheose des Narrenvaters“, Vergöttlichung des Narrenvaters am Fasching
Montag.
1857 Umzug: Narren Hofstaat in Donaueschingen Der
Narrenvater in der Prunkkutsche mit Gretel beim Umzug
1857
Carnevals-Zug der Gesellschaft Frohsinn Donaueschingen An der Zugspitze des
Umzuges sitzt ein Hansel auf dem Pferd mit der Umzugs-Fahne. Dahinter folgt eine
Schar Hansel.
1860 Radolfzell Der Narrenrat der
Narrengesellschaft „Narrziella Ratoldi“ mit Narrenmutter. Die Narrenmutter mit
einer glatten Villinger Scheme. Eines der frühesten Fotos einer Villinger
Narroscheme.
1867 schrieb die Gesellschaft „Narrhalla“
in Villingen in einem Gedicht im 2. Vers: „Der Vater der Narren regiert auf
Erden….“. Die Gesellschaft „Narrhalla“ war in Villingen eine Fasnetorganisation
vor der Narrozunft.
1873 Villingen Der Narrenvater
ladet in einer Zeitungsanzeige Hansel mit und ohne Gretel zur Besprechung ein.
Der Suribel
Jeder Suribel
ist wie jeder weiß ein „individuelles Gesicht“. Josef Liebermann schrieb im Aufsatz
von
1934 in „Villinger Fasnachtsmasken“: „Einen der schönsten Suribel, den die
Stadt jemals besessen hat, stammt vom Bildhauer Josef Ummenhofer genannt Bregl
(1813 – 1891). Er gehört zu den besten Leistungen heimatlicher Maskenkunst. Die
„Zacherlies“ von 1880“. Diesem Urteil schloss sich unter
anderem auch Hans Brüstle an.
Manche Schnitzer schnitzten die Suribel nach menschlichen Vorbildern oder wurden
nach dem Namen des ersten Besitzers benannt. Die Schnitzer waren Autodidakten.
So auch Josef Ummenhofer.
Bertachten wir folgende Suribel, nach den
Gesichtspunkten wer ihn
geschnitzt (Schnitzer) und wann die Scheme gefasst (Fasszeichen) wurde: • Der
"Schloßbur"
Fasszeichen G. Fischer 1850, 1865 oder 1876 • Der "Weberigel" (Museum in Binche)
Fasszeichen G. Fischer 1859 • Der "Stachelfranz" geschnitzt von J. Ummenhofer Fasszeichen
G. Fischer 1874 • Die "Zacherlies" geschnitzt von J. Ummenhofer Fasszeichen
G. Fischer 1876 • Der "Narrovater" 1. Fasszeichen G. Fischer 1887
Betrachtet man die Jahresangaben genauer, also zwischen 1850 und 1887,
dann fällt auf, dass es die Schaffenszeit vom Josef Ummenhofer war. Dominikus Ackermann (Ölmüller) lebte 1779 bis 1836.
Narrovater original (Franziskaner Museum)

1. Fassung
2. Fassung
Die
Narrovater-Scheme wurde zweimal gefasst. Die 1. Fassung 1887 von Gustav Fischer
und die 2. Fassung 1925 von Hermann Fischer.
Merkmale der Scheme:
Die Augenbrauen sind gemalt sowie die Form des Bartes
Der
Gesichtsausdruck sowie der Bart wurden damals von Persönlichkeiten aus dem
öffentlichen Leben entnommen. Ein Bart war zu damaliger Zeit Zeichen der Macht,
er symbolisierte Stärke und Männlichkeit. Von der Jahreszahl der 1. Fassung
1887 von Gustav Fischer und die Form des Bartes nach menschlichem Vorbild, so wie
der Schnitzer zu dem Gesichtsausdruck gekommen ist, lassen stark auf Josef
Ummenhofer (Bregl) schließen.
Narrovater (Bäcker Haas)

1. Fassung
2. Fassung
Die Scheme
wurde auch zweimal gefasst. Die 1. Fassung hatte ein unbekanntes Fasszeichen.
Die 2. Fassung fasste 1925 Hermann Fischer.
Merkmale der
Scheme: Die Augenbrauen wurden geschnitzt der Bart ist buschig. Die Scheme hat keine Schnitzersignatur.
Die Scheme hielt man jahrelang unter Verschluss
und es war verpönt, sie an der Fasnet zu zeigen.
Das Bild
zeigt 1925/26 den Rat der Narrozunft. Im Hintergrund sieht man
die Portraitscheme vom Zunftmeister Benjamin Grünninger. Friedrich Moser
schnitzte die Scheme 1920. Sie hat die Signatur FM. Daneben die Narrovater -
Scheme 2. Fassung mit geschnitzten Augenbrauen und buschigem Bart. Die
schnitzerischen Ähnlichkeiten der Narrovater-Scheme mit der Grünninger-Scheme sowie der Kasper Seppel Scheme, die auch Moser geschnitzt hat, lassen
darauf schließen, dass diese Narrovater-Scheme Friedrich Moser schnitzte.
Diese Narrovater-Scheme sah man auch beim Narrentreffen 1937 in Elzach im Morgenrock.
Narrovater (Rechtsanwalt Müller)
Die Scheme besitzt ein unbekanntes Fasszeichen.
Merkmale: Die Augenbrauen
sind schnitzerisch leicht nach oben angedeutet. Die Scheme hat eine
blassgrüne
Fassung und besitzt die Sigatur FM (Moser ca. 1932).
Die Scheme
verkaufte Rechtsanwalt Müller an das Fasnachtsmuseum Schloss Langenstein. Das
Museum schenkte zum Jubiläum der Narrozunft die Scheme zurück. Die
Narrovater-Scheme sah man auch 1938 beim Narrentreffen in Überlingen.
Narrovater (Keller genannt Bärle)
Diese Scheme fasste 1948 Hermann Fischer.
Merkmale: Augenbrauen gemalt, Bart buschig, Signatur FM (Moser)
Sie wurde 1956 in einem Antiquariat in München für 30 DM gekauft. Die Scheme
war mehrmals in Villingen an der Fasnet unterwegs.
Narrovater (R.
Riegger)
Diese Scheme schnitzte, wie auch die Narrovater-Scheme (Bärle), 1948
Friedrich Moser. Die Fassung erstellte Hermann Fischer. Sie besitzt die gleichen Merkmale.
Narrovater (M. Merz)
Die Scheme
schnitzte und fasste 1986 Manfred Merz. Sie wurde nachgeschnitzt, um den Original-Narrovater ins
Franziskaner Museum zu geben. An der Fasnet ist sie als Narrovater beim
Umzug zu sehen.
Weitere Narrovater-Schemen sind von Helmut Hogg
Villingen, Thomas Straub Villingen, Lang aus Elzach, Kienzler aus Waldkirch und
Kammerer aus Nußbach bekannt.
Der Narrovater und die Narrozunft
1880 fand ein
Zusammenschluss einer Anzahl wohlhabender Bürger zur weiteren Verschönerung der
Fasnacht statt. Das Ziel war eine Fremdenwerbung für die Villinger Fasnachtsveranstaltungen.
1882
ist die Narrozunft im Gasthaus Felsen gegründet worden.
Albert Fischer schreibt dazu: „An der Fasnet
1882 reitet der Narrovater auf einem blinden Schimmel mit dem neuen Banner der
Zunft an der Spitze der Narros die Straßen der Stadt, und groß und klein
freute sich, dass durch die Gründung der Zunft der Fortbestand des von
alther beliebten Villinger Narros gesichert war. Der Narrovater auf dem
Roß war Xaveri Singer
genannt „Nagler Xaveri“. Xaveri Singer war von Beruf Schmied und als
Landwirt tätig.
1889
Umzugsmotto „ Schlittenfahrt“

In diesem Jahr ladet der Narrovater zur Generalversammlung
in die Zunftstube Schlößle ein.

1900 Die Narrozunft stand kurz
vor der Auflösung wegen Streitigkeiten. Die Fasnet war früher wie auch heute eine
ernste Angelegenheit.
1901 Einladung zur Generalversammlung durch den
Narrovater ins Schlößle. Benjamin Grünninger übernimmt das Amt des 1.
Zunftmeisters. Umzüge fanden von 1901 bis 1914 mit Narrovater mit Pferd
oder zu Fuß statt .
1902 Der erste
bildliche Nachweis vom Narrovater zu Pferd vor dem Riettor. Die gemalte Postkarte von Albert
Säger.
Albert Säger war nicht Mitglied der Narrozunft und hat auch in Villingen keine Fasnet
gemacht. Er hat sich dafür in der Donaueschinger Fasnet und im Rat der
Narrenzunft-Frohsinn Donaueschingen engagiert.
1911 Der
Vorstand der Narrozunft B. Grünninger jr. hat zu einem großen Narro- und
Masken-Umzug aufgerufen.
Auch das "Fasnetvergrabe" am Aschermittwoch
führte der Narrovater durch.
1912 Umzug Der kleine Narrovater
auf dem Pferd. Dahinter der Narrovater zu Fuß mit einer glatten Narroscheme.
1914
Das erste Foto mit dem Narrovater auf dem Ross beim Umzug vor dem alten
Gesundheitsamt. Das war die letzte Fasnet vor dem Krieg. Die Pferdedecke malte ein Jahr zuvor
Hermann Fischer.
Albert Fischer hielt in diesem Jahr als leidtragender Narrovater eine
Leichenrede.
1918
Zunftmitglied Ignaz Görlacher in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordneter
schrieb zur Fasnetzeit denen im Feld stehenden Narros ein ermutigendes Gedicht:
5. Strophe
Narrovater ischt in Frankreich, Führer auf der
Lokomotiv, Denkt an d` Fasnet, zieht voll Wut gleich, Er am Fädli, an der
Pfief.
Albert Fischer war Lokomotivführer und damals auch Narrovater.
1919 war keine Fasnet. Doch der Narrovater führte ein
Trauerspiel zur Vergrabung der Villinger Fasnet durch.
1920 Die
Fasnet fand verstohlen statt. Nur die Kinderfasnet war erlaubt. Viele große
Kinder im Häs. Alles junge Narros mit glatter Scheme beim Umzug.

1921
Nach dem 1. Weltkrieg haben die Buben wieder Rollen geschüttelt.
1925 Gruppe Galawagen mit Narrovater (Haas)
1925
Umzug mit original Narrovater in Villingen. Gastzunft beim Umzug
Narrenzunft Elzach.
1925 Erwin Krumm: Radierung mit Narrovater und Elzacher
Taganrufer

1926 Plakatentwurf von Karl
Friedrich Kaiser für die Vereinigung bad. – württemb. althistorischer
Narrenzünfte mit dem Narrovater in der Mitte.
1926 Katzenmusik feiert die Fahnenweihe mit Friedel
Beck

1927 Großer Kinderumzug mit Narrovater zu Pferd mit
Narrogroßvater und Narrogroßmutter in der Kutsche. Es gab Preise für Gruppen
am Zuge: • Narrogroßvater und Narrogroßmutter in der Kutsche • Narrovater
zu Pferd mit Fahne
Einführung der kleinen Fasnet nach 63 Jahren, zuletzt
1864. Der Grund: Fasnetverbot für Erwachsene. Ältere Narros gingen wild bei
der Kinderfasnet umher.
Narrogroßvater und Narrogroßmutter in der Kutsche
1927 Schemeausstellung im Raben
1929
Narrogroßvater und Narrogroßmutter auf dem Titelblatt der Narrozeitung
1932 kauft die Narrozunft aus dem Nachlass der Rabenwirtin
mehrere Schemen und Bilder. Darunter der Narrovater, Schloßbur, Stachelfranz und
2 Narrobilder von A. Säger für 161,50 Reichsmark. Bis 1932 befand sich die
Narrovater-Scheme (Original) in Privatbesitz.
1932 Narrovater
Otto Mägerle fällt beim Umzug vom Pferd. In der Narrozeitung 1933 machte man sich
über ihn lustig.
1933 Sensation! Der Narrovater wird
zur Narromutter. Der Narrovater fiel krankheitsbedingt aus. Maria Wöhrle
aus der Zinsergasse sprang ein.
Bei den Narrentreffen 1936, 1937 und
1938 in Oberndorf, Elzach und Überlingen war der Narrovater beim Umzug dabei.
1939 bis 1948 offizielles Fasnetverbot
1948
Trotzdem feierte man in Villingen wieder Fasnet.
1949 Der
Narrovater frisch rasiert in Singen auf der Fasnet. Friedrich Moser schnitzt die
Scheme vom "hoorige Bär" Singen.

1949
Narrovater mit neuer Zunftfahne
1949 Der kleine
Narrovater bekommt beim Prolog eine neue Narrovater-Fahne von den
Altvillingerinnen gestiftet.
70ger
Jahre Vom Landesmuseum Karlsruhe wurde die sogenannte Narrenvater-Scheme erworben. Es handelt sich laut Narrozunft um eine Sprech- und Theatermaske.
1987 Erhard Fleig malt eine neue Narrovater–Fahne
1993 Narrovater mit sechs Riemen Rollen beim Maschgerelauf
Gedicht von Hans
Hauser
De Narro
Siehsch, do kunnt on! Die Postur!
Desch en Narro dur und dur. Desch on, wie-mern kum no findt, wo sechs
Reame trage kinnt, Rolle, so wie Kindsköpf, dra, und dezu no springe ma.
Der Narrovater hat gewettet, dass er mit sechs Riemen Rollen beim Maschgerelauf vom
Obere- bis zum Riettor im Narrosprung durch hopst. Der Wetteinsatz waren 260
Puddingberliner. Die Wette hat er bravourös gewonnen. Am Samstag darauf haben sie beim Bäcker
Obergfell in der Bickenstraße die Berliner gebacken und in der Rietstraße verkauft. Der Erlös
wurde
gespendet.
Zum Schluss etwas zum
Nachdenken!
Josef Liebermann schrieb 1934 in „Villinger Fasnachtsmasken“:
„In Villingen wird der Sinn für diese Kultur so lange lebendig bleiben, als
Heimaterde verstanden wird. Seit Langem ist die Maske Begleiterin des
Lebensweges der örtlichen Gemeinschaft. Schicksale kommen Schicksale
verschwinden. In diesem einen Zeichen überwinden wir im Jahr einmal des Lebens
Not und Trübsal, stärken uns mit dem Lächeln der Weisheit und nehmen dem Leben
ein Stück Frohmut voraus“.
Me sieht es het z Villinge über die
Jahrhunderte scho schlechtere Ziete gä, um Fasnet z mache. Doch sie hen
immer s Beschte drus gmacht und Fasnet gfiret. In Villinge isch d Fasnet
halt oner vu de höchste Firtig!
Ju - huhu!
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