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Immer wieder toll: Schätze
der Villinger Fasnet im Rampenlicht
Der Schemeobed der
Arbeitsgemeinschaft Villinger Fasnet verliert auch in seiner erneuten
Auflage nichts von seiner Faszination.
Was es mit den
Westbahnhöflern auf sich hat?
Gäste im Münsterzentrum jetzt närrisch schlauer!

Bild: Schemenrunde Die
Besucher, darunter auch Schemeschnitzer, begutachten die ausgestellten
Exponate und führen mit geschultem Blick so manches Fachgespräch.
Es lässt sich nur schwer erahnen, was alles an
Schemen von Narro, Altvillingerin, Murbele und Co. in den Privatsammlungen
der Villinger schlummert. Wenn die Arbeitsgemeinschaft Villinger Fasnet
zum Schemeobed aufruft, dann kann man zumindest einen Teil der Schemen aus
allen Epochen zu Gesicht bekommen. Über 100 Schemen waren es im voll
besetzten Villinger Münsterzentrum, und die Faszination der Veranstaltung
hält auch in der 36. Auflage weiter an . Doch der Schemeobed, bei dem so
manches Exponat noch nie in der Öffentlichkeit ausgestellt oder bei den
Umzügen an der Fasnet gesehen wurde, lebt auch von den spannenden
Vorträgen, bei denen viel über die Geschichte der Villinger Fasnet zu
erfahren ist. Mit seinen Geschichten und einem fundierten Wissen
begeistert Karl Hoch von der AG jedes Jahr das Publikum. Er ging zuerst
der Ursache auf den Grund, inwieweit der Haslacher Anschlag von 1326 einen
Einfluss auf die Villinger Fasnet hatte.
Eine Geschichte erzählte Hoch, die sich am Schemeobed
vor rund 22 Jahren ereignete: „Wir bekamen ein unbekanntes Exponat, bei
dem es galt herauszufinden, ob es sich dabei um eine Ölmüllerscheme
handelt. Schemen vor dem Ersten Weltkrieg wurden nicht markiert“. Mit
geschultem Blick hätten drei erfahrene Schemenschnitzer anhand eines
Stilvergleichs mit einem sicheren Ölmüller und an 13 Merkmalen die Scheme
analysiert. „Zwölf Merkmale stimmten überein und damit stand fest, dass
Ölmüller der Schnitzer war“. Heute könne man sich anhand modernster
Technik mit Kernspintomografie oder der Dendrochronologie, ein präzises
naturwissenschaftliches Datierungsverfahren, das Holzfunde durch Analyse
ihrer Jahrringmuster jahrgenau datiert, zertifizieren lassen.
Der dritte Vortrag galt dem Tausendsassa Albert
Fischer. „Fischer war eine zentrale Figur der Villinger Fasnet im 20.
Jahrhundert und befragt man KI, dann wird er dort als Narroholiker
bezeichnet“. Fischer wohnte sein Leben lang an der Niederen Straße 9,
er war Gründer der Bürgerwehrkavallerie und Vorstand der Stadt- und
Bürgerwehrmusik Villingen und belebte den Kuhreihen wieder. Als
Lokalhistoriker hat er so manches erforscht und war 28 Jahre Redakteur der
Narrozeitung. Als Zunftmeister von 1927 bis 1949 ist er ins Häs gegangen
und hatte zwölf Schemen und sechs Häser. „Nachdem die Zunft diese nicht
kaufen wollte, wurden sie vom Schloß Langenstein gegen Barzahlung
gekauft“, erzählt Hoch. Er denke, dies sei nicht im Sinne von Fischer
gewesen. „Die Gründung der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer
Narrenzünfte ist die Idee des Werks von Albert Fischer gewesen und er war
deren Präsident von 1927 bis 1952“. „Von Albert Fischer könnte man noch
tausenderlei Sachen erzählen, ohne dass es langweilig wird“, wusste Hoch.
Ein Westbahnhof in Villingen und was das mit der Fasnet zu tun hat,
darüber wusste Gastredner Architekt Konrad Flöß ganz genau Bescheid, der
sich stolz als Westbahnhöfler bezeichnet. Er weiß viele Geschichten rund
um den geplanten Westbahnhof und über die Westbahnhöfler zu erzählen, die
bis 1951 aktiv die Villinger Fasnet mitgestaltet haben. Die
gesamtwirtschaftliche Entwicklung erforderte es, Villingen 1860 an die
Bahn Richtung Konstanz anzuschließen. Die Eisenbahntrasse sollte im Westen
im Bereich vor dem Riettor beim ehemaligen Gasthaus „Engel“ verlaufen.
Dass der Platz nicht ausreichte, erkannte man schnell, und der Bahnhof
samt Bahnbetriebswerk wurde an den heutigen Standort verlegt. Nur der Name
Westbahnhof blieb und Handwerker, die aus allen Gewerken nach Villingen
kamen, siedelten sich dort an. „Die Vöhrenbacher Straße war damals das
Zentrum der Handwerker und im nahegelegenen Gasthaus Waldhorn an der
Kirnacher Straße wurde große und kleine Politik gemacht“, erzählte Flöß.
Baubesprechungen hätten damals am Stammtisch stattgefunden. So kam es dann
auch, dass die Westbahnhöfler an der Fasnet mit eigenen Gruppen aktiv
teilnahmen. 1951 gab es mit dem letzten Umzugswagen der Westbahnhöfler,
einer nachgebauten Dampflok, einen Einschnitt in der Villinger Fasnet.

Bild: Westbahnhof Das Foto zeigt das Gebiet um den
geplanten Westbahnhof früher und heute.
Bei zwei Schemenrunden hatten die Besucher dann die
Möglichkeit, die ausgestellten Exponate im gebührenden Abstand zu
bestaunen und sich in so manches Fachgespräch zu vertiefen. Wem die
Schemen gehörten, blieb geheim, nur der Schnitzer wurde erwähnt.
R. Dürrhammer Südkurier
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