Anfang // Themen// Schemeobed 2024
 

Volles Haus beim Schemeobed

 

schemeobed2024


Beliebte Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft Villinger Fasnet lockt etwa 200 Fasnetbe-geisterte ins Münsterzentrum. Höhepunkt sind rund zwei Dutzend Sieber-Schemen.
Die Arbeitsgemeinschaft Villinger Fasnet rief und sie kamen auch dieses Jahr wieder zahlreich ins Münsterzentrum in die Villinger Kanzleigasse 30: die Freunde von Narro-, Surhebel-, Alt-Villingerin und Murbele-Masken. Eröffnet wurde der kurzweilige Abend durch Manfred Hermle mit einem kräftigen „Juh hu hu“, der auch souverän durch das rund dreistündige Programm führte.

Karl Hoch ergänzte zu Beginn der Veranstaltung seinen Vortrag aus dem Vorjahr zum Thema „Maskierung der Alt-Villingerin“ mit Informationen, die er übers Jahr noch zusammengetragen hatte. So konnte mit einjähriger Verspätung ein altes Foto gezeigt werden, auf der eine Alt-Villingerin den sogenannten „Spanischen Vorhang“ als Gesichtsvermummung trägt. Anschließend ließ man eine Videosequenz laufen, bei der man einen Narro sehen konnte, der zwar quicklebendig herumhüpfte wie ein gerade flügge gewordener Vogel, aber in keinster Weise den Narrosprung beherrschte. In den Augen von Karl Hoch ein massiver Fauxpas, den man keinesfalls so hinnehmen dürfe. Er verwies auf alte Quellen, aus denen hervorging, was einem Narro blühte, wenn er sich nicht korrekt benehmen und den Narrosprung nicht richtig ausführen sollte: der Wurf ins kalte Wasser der Brigach. Den interessantesten Beleg lieferte Hoch, indem er Bezug auf einen Zeitungsartikel aus Konstanz aus dem Jahr 1880 nahm, wo Villinger Fasnetfiguren bereits nachweislich um 1750 existent waren - eine Quelle, die bisher unter den Fachkundigen nicht bekannt war.

Der zweite Vortrag des Abends war zweigeteilt. Es ging hierbei um die Malerwerkstatt Fischer-Maus-Frings. Harald Schmidt brachte alle Besucher auf den gleichen Stand, als er die Geschichte der Malerfamilie Fischer aus der Badgasse in aller Kürze Revue passieren ließ. Mit der Übergabe des Betriebes an Erwin Maus, Jahrgang 1907, übernahm Karl Hoch das Mikrofon. Er berichtete von Erwin Maus, der die Werkstatt seines Lehrmeisters Hermann Fischer nach dessen altersbedingten Ausscheiden aus dem Berufsleben übernommen hatte. Erwin Maus war Kriegsteilnehmer während des Russlandfeldzuges, kehrte aber unversehrt aus der Kriegs-gefangenschaft zurück. Mit der Zeit verlagerte er die Werkstatt vom Villinger Riet nach Bad Dürrheim. Maus, der seinem Lehrmeister das Versprechen abnahm, genauso im Sinne der historischen Villinger Fasnet Häser und Schemen zu bemalen, wie er es getan hatte, wirkte bereits als junger Erwachsener als Berater bei der Erschaffung der Figur des Bad Dürrheimer Narros beratend mit. Erwin Maus starb 1993, zuvor hatte er seine Werkstatt an seine Tochter und deren Ehemann übergeben.

Hat das Lied nun drei, vier oder noch mehr Strophen? Auf eine Spurensuche zum „Villinger Schunkellied“ nahm Harald Schmidt die Besucher mit. Er erklärte, wie es 1949 zur Entstehung dieses Gassenhauers kam. Es waren die beiden Brüder Franz und Karl Kornwachs, die für Text und Melodie sorgten. Das „Villinger Schunkellied“ hat im Original tatsächlich fünf Strophen, doch gesungen wurden bisher meist nur drei oder vier - in Ermangelung von Kenntnis, Interesse oder Sachverstand. Zur Sicherheit wurden im Saal Kopien des Originaltextes ausgelegt in der Hoffnung, in einem Jahr womöglich fünf Strophen an der Fasnet zu hören. Franz Kornwachs war übrigens langjähriger Zunftmeister der Narrozunft Villingen von 1949 bis 1972.

Das Leben und Wirken des Steinhauers Wilhelm Sieber und seinem Sohn Emil reflektierte Karl Hoch in seinem zweiten Vortrag. Sieber alt und Sieber jung, wie die beiden Handwerker in Fachkreisen oft genannt werden, stellten neben Grabsteinen und steinernen Hausfassaden auch Masken her für die Villinger Fasnet. Ihr Schaffenszeitraum umfasst ungefähr die Zeit von 1870 bis etwa 1950. Insgesamt rund 25 Schemen von Vater und Sohn Sieber konnten von Karl Hoch gezeigt werden, davon zwei Bubenschemen aus der Hand von Wilhelm Sieber sowie eine Kopie der „Zacherlies“, ein Werk Emil Siebers. Besonders diese wertvollen Sieber-Schemen erweckten das Interesse der Besucher bei der sich anschließenden Schemenrunde. Speziell die glatten Schemen Wilhelm Siebers stellen herausragende Meisterwerke der Villinger Maskenkunst dar und sind ihrem historischen Vorbild des berühmten Ölmüllers Dominikus Ackermann in Charakter, Ausdruck und Faszination ebenbürtig.

Der Schwarzwälder Weltwanderer Eduard Haas war Thema des letzten Beitrages beim Schemeobed 2024. Eduard Haas stammte aus Wolfach im Kinzigtal. Er lernte als junger Bursche eine Rosina Reiser aus dem „Nordstetter Hof“ kennen und lieben. Sie heirateten und bekamen einen Sohn: Eduard junior. Doch Eduard Haas, zwischenzeitlich Wirt des „Nordstetter Hofes“ zusammen mit seiner Frau, kam in diesem Beruf nicht zurecht und ging zurück in seine Heimat, wo er einen Hausierhandel mit Postkarten und Schwarzwälder Andenken betrieb. Mit einem großen Handkarren bereiste er ganz Deutschland und das nahe Ausland. Seine Ehe wurde indes geschieden, er war damit wieder frei und ungebunden. Auf einer seiner Reisen durfte er sogar dem im holländischen Exil lebenden, ehemaligen deutschen Kaiser Wilhelm II. die Hand reichen. Eduard Haas, der inzwischen von seiner Familie verleugnet wurde, verstarb 1946 verarmt als Sozialfall in Wolfach, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand. Die aufmerksamen Besucher erfuhren, dass dieser Eduard Haas eben der Großvater von Karl Haas ist, einem der Gründer der Arbeitsgemeinschaft Villinger Fasnet. Es konnte sogar eine Scheme des „Geissen-Haas“, wie er genannt wurde, gezeigt werden, die seit zwei Jahren als Einzelfigur die Wolfacher Fasnet bereichert.


Geisse Haas Eduard Haas


In der zweiten Schemenrunde konnten noch einmal Masken allen Typs und aus allen Epochen der Villinger Maskenkunst gezeigt und begutachtet werden. Fazit des gelungenen Abends: wo bekommt man so viele Villinger Masken auf einmal zu sehen? Bei der Arbeitsgemeinschaft Villinger Fasnet.
Diese trifft sich regelmäßig an jedem ersten Freitag im Gasthaus Jägerhaus zum Stammtisch. Weitere Infos auch unter www.narro.de